Gringitas, Chicha und jede Menge Tänze

Hello my friend (so werde ich immer von einem englisch-lerneifrigen Krankenhaus-Kollegen begrüßt),

nein, gerade sitze ich nicht am Fluss und auch nicht wie sonst immer auf meinem Bett, sondern auf unserem Balkon! Wir sind nämlich in ein tolles Haus gezogen und leben jetzt ganz independiente (unabhängig), wie man hier so schön sagt. Es ist zwar schon spät abends, aber trotzdem noch angenehm warm und vom Balkon aus kann man schön beobachten, wie sich das Dorf langsam schlafen legt. Gerade hört man im Hintergrund leise Musik und das Flussrauschen, unter mir gerade ein kleiner Compañero, der meint, im Laufen eine lange ‚Urinspur‘ hinterlassen zu müssen.

Mit dem Fest, über das ich jetzt berichten werde, wurden hier im Dorf die zweimonatigen Ferien eingeläutet. Damit haben die anderen drei Freiwilligen jetzt auch Ferien,  die Leute im Krankenhaus – und damit auch ich – arbeiten aber weiter.

Das Fest, das eine Woche dauert, wird jedes Jahr zu Ehren der Virgen de Remedios (Jungfrau von Remedios), der Schutzpatronin des Dorfes Sopachuy, gefeiert. Leute aus der ganzen Umgebung kommen, um an diesem Spektakel teilzuhaben. Von Sonntag bis Sonntag finden vor allem abends verschiedene Aktivitäten statt, die meistens von einem guten Schluck Chicha oder anderen Gebräuen, von denen man besser nicht weiß, was alles drin ist, begleitet werden. Wie die Überschrift schon sagt, ist der Alkohol ein fester Bestandteil eines jeden Festes hier, auf den man (besonders die gringitas = weißhäutige Mädels wie ich) immer gerne eingeladen wird, gewollt oder ungewollt :D.

Abends gibt es also meistens eine Feria (Volksfest) an der Plaza, Fest’meile‘ wäre jetzt dezent übertrieben, aber so was Ähnliches könnt ihr euch darunter vorstellen. Manchmal spielt eine Livemusik, zu der man tanzen kann, es gibt ein kleines Feuerwerk. Einmal haben Schüler ihre selbstgenähten indigenen Trachten präsentiert, Tänze aufgeführt oder man konnte ein Theater besuchen. Tagsüber wird die Virgen-Statue von einer Institution feierlich zur anderen getragen, wo sie dann einen Tag beherbergt wird. Als wir – als das Krankenhaus, das auch den Namen der Jungfrau trägt – die Statue bei uns hatten, wurde unsere kleine Kapelle mit Rosen geschmückt und der Pfarrer hat eine extra Messe abgehalten. Danach wurden kleine Knabbereien verteilt, darunter der Hefezopf, den Doña Pati und ich am morgen gebacken hatten. (An die künftigen Freiwilligen: das könnt ihr ruhig auch machen, die Leute kennen es hier nicht, aber finden es total lecker!)

An einem Tag war auch eine große Prozession, bei der dann verschiedene Institutionen, begleitet von der Schulband, mit der Virgen durch die Straßen gezogen sind. Fast täglich gab es Stierkämpfe bzw. Kuhkämpfe, zum Glück alle unblutig. Na gut, manchmal hatte die Kuh keine Lust und dann war das eher ein Tänzchen, manchmal hatte sie dafür eine Portion Motivation zu viel und wollte zusätzlich zu ihrem „Ring“ noch das Gebiet außerhalb erkunden. Das hat leider das Polizeiauto zu spüren bekommen, das nun ein paar Dellen mehr hat.

Letzten Samstag war dann der Höhepunkt der Woche, die Entrada.  Das ist eine Tanzparade, bei der die verschiedenen Institutionen tanzen und über die schon Wochen früher geredet wird. Mit meinem Krankenhaus haben wir dieses Jahr die Diablada getanzt, was von Diablo=Teufel kommt. Eine Woche vorher haben wir angefangen, jeden Abend zu proben. Dabei konnte man sich darauf einstellen, dass sowieso die Hälfte nicht kommt und die Probe, die auf sieben angekündigt war, um halb neun beginnt. Nun gut, auch daran gewöhnt man sich ♡ und die Proben haben sehr viel Spaß selbst für mich als Tanzkrüppel gemacht! Zusätzlich zu den Proben haben wir uns circa drei Mal getroffen, also eine reunión abgehalten, um verschiedene Dinge bezüglich der Entrada auszudiskutieren, aber was genau, hmm, über was genau eigentlich :D?!  Das hat sich mir nicht ganz erschlossen. Jedenfalls hatten wir dann am Morgen der Entrada unsere Kostüme. Die hätte ich am liebsten behalten! Ariane und Peter haben auch bei der Diablada mitgetanzt, Sara mit einer Gruppe Oberstufenschülern Tinkuy, einen meiner Lieblingstänze. Abends gings dann los mit Tanzen: Unsere Gruppe, bestehend aus den China Supay (Frau des Teufels), Tänzerinnen, wozu ich gehörte, den kleinen Mädchen, den Teufeln, Bären und Engeln und unserer Liveband (die die ganze Zeit das gleiche Lied gespielt hat), hat sich am Ende einer lange Straße getroffen. Wir wurden, wer hätte es gedacht, wieder zu einigen Gläschen eingeladen 🙂

Als wir auf der Straße, für die man normalerweise 10-15 Minuten braucht, circa zweieinhalb Stunden lang getanzt sind – und das mit den zu kleinen Absatzstiefelchen -, war ich wirklich tot! Aber glücklich und zufrieden, dass ich bei solch einem tollen Event mitmachen durfte. Schade, dass das jetzt auch schon vorbei ist. Aber dafür kommt Weihnachten, bei dem das Tanzen auch nicht zu kurz kommen wird!

Zum Abschluss noch zwei kleine Sopachuy-Hacks:

Sopachuy #4: Eine Zahnbürste kostet genauso viel wie eine viertstündige Busfahrt nach Sucre.

Sopachuy #5: Wir werden hier öfters mal als Gringo bezeichnet. Anscheinend kommt das von der Zeit, als die Amerikaner noch in Lateinamerika waren. Gringo kommt von engl. Green go (home), als Bezeichnung für die grün-uniformierten Soldaten, die sich zurückziehen sollten. Durch deren weiße Hautfarbe hat es sich gehalten, dass Weißhäutige bis heute als Gringos bezeichnet werden, aber nicht mehr im negativen Sinne.

Hasta luego Compañeros und eine schöne, stimmungsvolle Weihnachtszeit! Esst ruhig ein paar Plätzchen für mich mit 🤗😇

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