Der Geist des Regenwaldes

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La Paz, den Salar de Uyuni, mein Dorf Sopachuy, Sucre, Samaipata bei Santa Cruz und den Regenwald im Madidi National Park – all dies haben sich drei Viertel der Familie Puhlmann angeschaut. Im März/April habe ich mit meinen Eltern diese wunderschönen und so verschiedenen Gegenden Boliviens besucht. Die vielen Fotos davon zeige ich euch gerne, wenn ich nach Hause komme. Über den Madidi-Dschungel, mystisch und wahnsinnig interessant, will ich euch vorab schon ein wenig erzählen.

Vier Tage und drei Nächte haben wir, geführt von einem Guide, der selbst im Dschungel aufgewachsen ist, in diesem Regenwald verbracht und ihn größtenteils zu Fuß und teilweise auch im Holzboot erkundet. Eigentlich war dieser Mann, den wir unseren Freund nennen dürfen, an sich schon so faszinierend. Achtung und Ehrfurcht vor dem Wald, in dem er den Großteil seines Lebens verbracht hat, stehen bei ihm stets an erster Stelle! Egal, wie gut er die Pfade im Regenwald auch kennt: Er geht  immer mit Respekt und dem Gedanken an Mutter Erde („Pachamama“) durch den Dschungel, der für mich ein Irrgarten bleibt.

Regengüsse und schwüle Luft, Tiere, die mir unangenehm sind oder beispielsweise kleine Ameisen, die Spaß daran haben, einen Rucksack zu zerschneiden, frische Jaguarspuren – all dies nimmt er einfach so hin, ohne sich groß darüber zu beunruhigen. Dabei waren wir Drei dank relativ wasserdichter Outdoor-Ausrüstung und Moskitospray oft besser ausgerüstet als er.

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Unser Guide hängt, wie viele der Völker im Dschungel, einer Art Naturreligion an. Wie schon erwähnt rührt seine Achtung vor dem Urwald vom Glauben an Mutter Erde, die alles geschaffen hat und alles so kennt, wie ein Mensch es niemals wissen kann. Er würde nie behaupten, den Dschungel so gut wie seine Westentasche und eventuell sogar besser als jeder andere zu kennen, denn er würde dabei vielleicht den „Dschungelgeist“ verärgern. Dieser verärgerte „Geist“ würde dann vielleicht bewirken, dass er sich im Dschungel verläuft und seine Route immer nur im Kreis führt, weil der Geist ihm immer auf den Fersen ist. Er hat mir beigebracht, wie man zwei spezielle Blätter miteinander verwebt und hinter sich wirft, ohne sich nochmals umzudrehen. Dieses Blättergeflecht soll den „Geist“ dann für eine Zeit ablenken, sodass er einem nicht mehr folgen kann und man wieder aus dem Urwald findet.

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Viele der Urwaldvölker haben auch einen Schamanen, der für die Gesundheit des Volkes zuständig ist. Denn ein Krankenhauszugang ist für viele Völker, die auch heute noch teilweise bis zu neun Stunden flussaufwärts eines größeren Krankenhauses leben, nicht garantiert.

Schamane zu werden kann man weder planen, richtig erlernen noch kann jeder Schamane werden. Es ist wie eine Berufung oder das Schicksal, das eine Person zum Schamanen macht. Laut unserem Guide ist es so, dass der Berufene auf seinem Weg, in seinen Taschen etc. öfters gleich aussehende Steine findet, die ihm zuerst nicht groß auffallen. Doch dadurch, dass er sie immer wieder findet und sammelt, kann es sein, dass er neugierig wird und sie schließlich dem derzeitigen Schamanen zeigt. Dieser weiß die Steine als Zeichen zu deuten und lehrt den neuen Schamanen seine Künste. Nur der Schamane hat die Fähigkeit, Kontakt zu der Geisterwelt aufzunehmen. Dafür braucht er, aber nur er, beispielsweise die halluzinativ wirkende Pflanze „Ayahuasca“ (es ist nicht so, wie viele denken, dass gleich ein ganzer Stamm halluziniert).

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Über verschiedene medizinische Pflanzen hat er uns auch interessante Sachen erzählt.

Beispielsweise ist „una de gato“ (Katzenklaue) ein Lianenbaum, dessen Rinde man in Wasser kochen lässt und den Sud als Tee trinkt gegen Rheuma. Andere Pflanzen wie „Clavija“ sind ein erstes Gegenmittel gegen einen Schlangenbiss, das die Zeit, um ins Krankenhaus zu kommen, verlängert. „Palo diablo“ (teuflischer Stamm/Stock) soll als Tee gegen Durchfall helfen. „Chuchuhuasi“-Sud an sich wird für Gastritis eingesetzt, „Chuchuhuasi“ aufgegossen mit Alkohol wirkt hingegen als natürliches Viagra… also meine Herren, ab in den Dschungel 😉

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Das Verhalten des Guides, sein Wissen und seine Einstellung gegenüber dem Urwald waren so faszinierend und stehen für mich komplett im Gegensatz zur Ausbeutung und Abrodung des Dschungels, damit wir Möbel oder Terrassen aus robusten Hölzern haben, oder zum Massentourismus, bei dem es gar nicht möglich wäre, diesen „Geist des Dschungels“ und die Achtung davor zu bewahren.

Mal ein Einblick in einen anderen Teil Boliviens, ich hoffe, es hat euch gefallen.

Liebe Grüße,

Ann-Sophie

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